CHESS! - Serien XI/MMXX

d2-d4, d7-d5, c2-c4: Eine Serie über Schach setzt alle anderen Produktionen des Jahres und die Männer matt. Also, kein langes Geschwafel. Lasst uns spielen! Die Serien im November.


Das Damengambit (Netflix)


Eine Welt auf 64 Quadraten - mit Springer, Turm und Dame. Elizabeth Harmon entdeckt diese Welt und ihr Genie als Waisenkind zufällig in einem dunklen Keller. Sie verfällt dem Spiel und steigt schnell zur besten Spielerin in den USA auf. Eine Frau im Männersport Schach, die selbst dem russischen Weltmeister Paroli bietet - das ist bis heute eine Fiktion. Umso schöner ist diese Emanzipations-Geschichte! Die gleichzeitig einem komplexen Denksport huldigt wie all den Frauen, die in der Nachkriegszeit unter ihren begrenzten Entfaltungsmöglichkeiten litten.

Reporterin: "Erzähle doch mal den Lesern von Life wie das so ist: Ich meine als Mädchen unter all den Männern." Harmon: "Das stört mich nicht!"

Schach als Lebensmetapher für die Widersprüchlichkeit der Welt: Es geht ums Gewinnen und Verlieren, um Kontrolle und Kontrollverlust, um eine Obsession. Ihr Genie setzt die Protagonistin immer wieder matt, wenn sie sich in Alkohol und Drogen oder Ausflüge ins Nachtleben stürzt. Doch immer wieder kehrt sie zurück ans Schachbrett. Die Serie zeigt die Höhen und Tiefen eines außergewöhnliches Lebens, das von den Biografien echter Schachlegenden wie Bobby Fisher und Garri Kasparow inspiriert ist; sie zeigt ein außergewöhnliches Spiel, aufgrund der Mitarbeit von Kasparow und anderen Schachgrößen so authentisch und kenntnisreich wie nie zuvor.

"Bauer auf C4 richtig?" - "Ja!" - Damengambit heißt eine Schach-Eröffnung

"Damengambit" erzählt mit viel Gefühl und Ruhe von Schicksalsschlägen, von Freundschaft und Familie und mit wunderbar ausstaffierter Kulisse und stylischen Kleidern vom Lifestyle der 50er. Macher Scott Frank übertrifft mit dieser Produktion sogar seine herausragende Western-Serie "Godless" aus dem Jahr 2017 und Hauptdarstellerin Anya Taylor-Joy ist in jeder Hinsicht die selbstbestimmte Königin, die den König zur Randfigur macht.


Mehr als 60 Mio. Abrufe in den ersten Tagen. Wer hätte gedacht, dass ein Denksport neben inhaltlicher Tiefe auch so viel Attraktivität auf ein Massenpublikum ausstrahlen kann? Die beste Serie des Jahres!


BINGE-FAKTOR: 📺 📺 📺 📺 📺



The Good Lord Bird (Sky/Showtime)


Wo das Denken aufhört, setzt meistens der Glaube ein. Die historische Figur des John Brown in der Serie "The Good Lord Bird" war ein Gotteskämpfer und ein bedingungsloser Gegner der Sklaverei. Dass er gleichzeitig ein weißer Retter für die unterdrückten Schwarzen sein wollte - diesen historisch heiklen Umstand spricht die Serie gleich zu Beginn direkt an. Dann steckt sie ihren afro-amerikanischen Protagonisten, den jungen Henry, in Frauenklamotten, als Henrietta, was wegen eines verbalen Missverständnis passiert:

"My name is Henry. But the old man heard: Henry ain’t a - and took it for Henrietta."

Ein typisches Beispiel für die erzählerische Strategie und den absurden Humor der Serie, die die historischen Gräueltaten, das Übel der Sklaverei, die Ambivalenz John Browns durch eine stetige Überspitzung und Überdrehtheit darstellt - und so deren Perversität vorführt. Eine laute, witzige, brutale Geschichtsstunde ist das. Und gekrönt wird sie durch das herausragende Schauspiel eines Ethan Hawke, nicht nur an der Grenze, sondern direkt im Wahnsinn. Sowie dem ganz gegensätzlich staunend-stillen Spiel von Joshua Caleb Johnson als androgynem Kind, das nie richtig versteht, was die Erwachsenen hier eigentlich tun.


Dieses Unverständnis, diese Ungläubigkeit gegenüber Diskriminierung, Fanatismus und Gewalt ist dann letztlich auch das, was beim Zuschauer hängen bleibt.


BINGE-FAKTOR: 📺 📺 📺 📺



The Third Day (Sky/HBO)


Wie ein gerahmtes Meisterwerk im Louvre! Optisch macht "The Third Day" von Beginn an ordentlich Eindruck: spektakuläre Luftaufnahmen, experimentelle Tiefenschärfe, Naturformationen, als hätte sich Jackson Pollock ausgetobt und ein Grünstich, in den man sich am liebsten hineinlegen würde.


Auch erzählerisch funktioniert die rätselhafte Geschichte um einen Mann (gespielt von Jude Law), der auf eine abgelegene Insel kommt, um seinen Sohn zu finden, anfangs gut. Doch nach und nach driftet die Handlung in seichtes Wasser ab und spült zu vorhersehbare Wellen an Land. Trotzdem: Bei dieser Optik und einem herausragenden Jude Law fällt es schwer abzuschalten.


BINGE-FAKTOR: 📺 📺 📺 📺



Vienna Blood (ZDF-Mediathek)


Psychoanalytiker Dr. Max Liebermann geht im Wien Anfang des 20. Jahrhunderts auf Mörderjagd. Seine Methoden sind ungewöhnlich, seine Art gewöhnungsbedürftig. Seines Partner Inspector Oskar Rheinhardt ist anfangs misstrauisch, doch bald arbeitet das ungleiche Ermittlerpaar Hand in Hand und löst einen Fall nach dem anderen. Klingt bekannt und, ja auch etwas abgedroschen. Ist es auch!


Die Serie "Vienna Blood" bedient sich gleichermaßen bei Krimi-Klassikern wie Sherlock Holmes und neuen Netflix-Streifen wie "Freud" oder "The Alpienist", um die Romanreihe "The Liebermann Papers" von Frank Tallis auf den Bildschirm zu bringen. Dabei bleibt sie aber meist zu oberflächlich, zu altväterlich und vor allem zu uneigenständig. Das meiste ist Zitat ohne neue originelle Einfälle. Wäre diese Serie eine Doktorarbeit, müsste man wohl sagen: Plagiat.


BINGE-FAKTOR: 📺 📺



How To Tatort (ARD-Mediathek)


Das öffentlich-rechtliche Fernsehen beschäftigt sich diesen Monat mit seiner Prestige-Serie: dem Tatort. Und nimmt das neue Ermittlerteam in Bremen mit Luise Wolfram, Jasna Fritzi Bauer und Dar Salim in einer Mockumentary selbstreferenziell aufs Korn. Allerdings kommt der Humor selten über ausgelatschte Schauspiel-Klischees und allzu eitle Ermittler-Anspielungen hinaus.

"Beim Tatort sind wir nämlich eine große liebevolle Familie, also außer die Idioten aus Münster." - Anna Schudt, Ermittlerin im Dortmunder Tatort

Man merkt, dass die Autoren der Bildundtonfabrik, die erfolgreiche Formate wie das "Neo Magazin Royale" und die Netflix-Serie "How To Sell Drugs Online (Fast)" verfasst haben und jetzt für "How To Tatort" gewonnen wurden, mit dem Stoff nicht wirklich warm werden und sich so letztlich immer wieder im Kreis um ein größtenteils veraltetes TV-Format drehen. Das auch nicht besser wird, wenn man sich darüber lustig macht.


BINGE-FAKTOR: 📺 📺



Ja Ja Ja Ja Ja / Ne Ne Ne Ne Ne

Impressum: Julian Ignatowitsch, Nymphenburger Str. 90a, 80636 München, julian.ignatowitsch@gmail.com