ERLÖSUNG! - Serien I/MMXX

Was ist die Antwort auf noch mehr Serien und Streaming-Dienste? Genau, noch ein Serienblog! Aber so kurz und kantig wie hier, kriegt ihr's selten. Also aufgepasst: Die Serien im Januar.


Dracula (Netflix)


So geht Vampir-Mythos heute: Graf Dracula als eleganter Gourmet, ironischer Hipster und brutales Monster; seine Gegenspielerin Agatha van Helsing als emanzipierte Nonne, die vom Glauben abgefallen ist. Den Machern der "Sherlock"-Serie Mark Gatiss und Steven Moffat gelingt hier, was ihnen schon beim Meisterdetektiv Holmes gelungen ist: Eine Meta-Erzählung am Puls der Zeit.


Wenn Sätze fallen wie: "Du bisst, was du isst" oder "England? Ein ganzes Land voller kultivierter und kluger Menschen" denkt man zwangsläufig an Diätratgeber, Optimierungswahn und den Brexit.


"Sie sind ein Monster!" "Und Sie sind Anwalt! Niemand ist vollkommen."

Der Humor teilweise wie bei Monty Python, der Horror wie aus der nostalgischen Geisterbahn und manche Dialoge nah dran am Philosophie-Seminar: Eine Serie für das Jahr 2020, die ihre Wurzeln und Mythen nicht vergisst - zum Glück aber ganz weit weg ist von den prüden Twilight-Vampir-Vergewaltigungen der vergangenen Jahre.


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Star Trek: Picard (Amazon/CBS)


Für Trekkies sicher ein Grund zur Schnappatmung, für mich eher ein Fall von spontaner Couchschläfrigkeit. Ja, der Fan bekommt, was er will: kinotaugliche Produktion, aufwendige Spezialeffekte, pathetische Dialoge, viele technische Spielereien und noch mehr Nostalgie-Gefühl mit Enterprise-Legende Patrick Stewart.


Aber die üblichen Schwächen bleiben: plakative Charaktere, unterkomplexe Erzählweise und ein Plot an der Grenze zum moralisierenden Kitsch. Nur so viel: Captain Picard ist jetzt pensionierter Winzer auf seinem Weingut in Südfrankreich. Haha! Darauf lassen wir die Korken knallen und schalten um!


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The Outsider (Sky/HBO)


Endlich mal eine Stephen King-Serie, die dem Meister des Horrors gerecht wird: Was als typischer Kriminalfall mit einer brutal geschändeten Kinderleiche und einer vorschnellen Festnahme beginnt, entwickelt sich sukzessive zu klugem, subtilem und nervenaufreibendem Psychohorror.


War der Täter an zwei Orten zugleich? Oder sind DNA-Spuren nur scheinbare Gewissheit in einer irrationalen Welt? Und wer ist der diabolische Mann mit der Kapuze? Die Serie besticht durch exzellenten Cast und eine durchweg bedrohliche Stimmung. Kamera und Sound sind absolut preisverdächtig! Schon wegen der ungewöhnlichen Einstellungen unterlegt mit wummerndem Bass sollte man mal reinschauen.


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Messiah (Netflix)


Ein Messias mit Kapuzenpulli und Jeans und die spannende Frage: Was wäre, wenn ein moderner Christus in den Nahen Osten, später in die USA, kommen würde? Noch dazu einer, der Arabisch spricht, mit langen, schwarzen Haaren und dunklem Bart?


Er predigt, vollbringt Wunder und die (sozialen) Medien stürzen sich darauf. Manche wollen Glauben, manche widerlegen - und andere wittern Terrorismus. Wer die Serie "Homeland" mit der Heiligen Schrift kombiniert, bekommt Messiah. Durch zu viel Crime-Elemente verschenkt die Serie aber leider auch tiefgründigeres Potenzial.


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Little America (Apple TV+)


Nur in Amerika machen sie so eine Serie – und es funktioniert. Mit viel Gefühl, Herz und innovativen Einfällen erzählt "Little America" in einzelnen 30-minütigen Episoden von den Einwanderern in den USA, z.B. vom nigerianische Student Iwegbuna, der sich plötzlich wie ein Cowboy kleidet; oder der rebellischen Schülerin Marizol aus einer mexikanischen Einwandererfamilie, die in der Sportart Squash und ihrem Trainer zwei Lehrmeister fürs Leben findet.


Die Episoden basieren auf echten Geschichten und zeigen die USA gemäß dem amerikanischen Traum als Einwanderungsland der unbegrenzten Möglichkeiten. In einer teils fremdenfeindlichen Zeit, mit Trump oder rechtsradikalen Attentaten in El Paso und Dayton, kann man das naiv finden oder als Appell für Toleranz, Freiheit und Diversität verstehen. In jedem Fall ist "Little America" eine echte "Feel good"-Serie, die zeigt, was Amerika wirklich "great" macht bzw. machen könnte!


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Spinning Out (Netflix)


Eiskunstläuferin Kat träumt von den Olympischen Spielen, steht nach einem Sturz aber kurz vor dem Karriereende. Da kommt Prinz Justin und will Kat als seine Prinzessin haben. Und so beginnt ein Märchen um tyrannische Königinnen, eifersüchtige Hofdamen mit Schlittschuhen und sexistische Sprüche...


"Ich habe mir alte Wettkampfvideos von dir angesehen, du warst echt mutig?" "Du siehst dir Videos von mir an?" "Das sind meine Pornos."

Die Coming-of-Age-Serie „Spinning Out“ hätte ein neues "Black Swan" werden können, ist aber letztlich eine Daily Soap auf dünnem Eis: Viele ungelenke Pirouetten und ein bedenkliches weibliches Rollenbild. Schauspieler und Regie machen noch das Beste aus der fragwürdigen Klatsch-Story. Letztlich reicht das aber nicht einmal für die Pflicht, von der Kür ganz zu schweigen.


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Ja Ja Ja Ja Ja / Ne Ne Ne Ne Ne

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