FEUER! - Serien V/MMXX

Zwei Mütter, flamboyante Jazz-Musik und Winona Ryder im Amerika der 40er Jahre - so geht Brandstiftung! Marx on Ice und die Affenbande verstecken sich derweil im brennenden Haus, wo es warm und kuschelig ist. Die Serien im Mai.

Little Fires Everywhere (Amazon)

Das namensgebende Feuer brennt in der Serie "Little Fires Everywhere" gleich am Anfang. Und die Frage, wer dieses Feuer gelegt hat, das da unaufhörlich knistert, wenn über die acht Episoden hinweg immer wieder Bilder, Dokumente oder Zeitungsausschnitte in Flammen aufgehen, diese Frage nach dem Brandstifter ist quasi der Sauerstoff, der die Serie vorantreibt und immer am Leben hält.


Aber es ist nur eine Frage, die die hochkarätige Serie mit Reese Witherspoon (als wohlhabende, typisch amerikanische, blonde Hausfrau Elena) und Kerry Washington (als am Existenzminimum lebende, kämpferische, afro-amerikanische Single-Mom und Künstlerin Mia) aufwirft: Was ist richtig? Was ist gut? Was bedeutet Mutterschaft im Verhältnis zu Familie und Beruf? Welche Rolle spielen Rasse und Klasse dabei? Was ist gute Erziehung? Wie beeinflussen Privilegien unsere Entscheidungen und wie prägt die Vergangenheit unser Leben? Wie selbstbestimmt sind wir wirklich?


Jeder Charakter - ob Mütter, Kinder oder abwesende Väter -, ja fast jeder Dialog und jede Einstellung in "Little Fires Everywhere" erzählen eine kleine Geschichte darüber. Auch weil die Macher jedes Detail ernst nehmen und sich auf keine Seite schlagen, sondern die Gefühle, Hoffnungen und Ängste ihre Figuren empathisch darlegen. So geht Brandstiftung!

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Space Force (Netflix)

Die amerikanischen Weltraumstreitkräfte, die sogenannte "Space Force" (Achtung, gibt's wirklich!), will erneut auf den Mond und die "totale Weltraumherrschaft bis 2024", wie der US-Präsident verkündet. Wer wäre da besser geeignet, um die Mission anzuführen, als: Steve Carell.


Von ihm und den "Office"-Machern (Greg Daniels, Howard Klein) kommt die neuste Parodie auf ein größenwahnsinniges Land, eine fragwürdige Behörde und Donald Trump. Letzterer ist mal wieder das Problem. Und nicht mal Wissenschaftler John Malkovich kann die Expedition retten.

"POTUS wants to make some changes, he is tweeting about it in 5 minutes." - Space Force

Anders als bei "The Office", wo der bürokratische Mikrokosmos des Großraumbüros so schön makaber universell durchleuchtet wurde, ist die Handlung in "Space Force" allzu oft mit dem tagespolitischen Makrokosmos der amerikanischen Politik verbunden. Das tut der Serie nicht gut.


Denn wie bei so vielen Trump-Parodien zünden auch hier die Pointen selten. Die Analyse bleibt so stupide und erschöpfend wie der Präsident. Irgendwann schwebt Chimpstronaut Marcus schwerelos durchs All und die Metapher ist allzu deutlich. Alles Affen. Stimmt wahrscheinlich. Nur trifft das leider auch auf die Serie zu - da kann auch der herausragende Cast nichts daran ändern. "Space Force" ist schlichtweg: affig.

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Upload (Amazon)

Die zweite Serie "Upload", die die "Office"-Macher Daniels und Klein im Mai vorlegen setzt auf ein anderes Setting und weniger Zeitgeschehen. Das tut der Serie gut! "Upload" zeigt eine bizarre Zukunftsutopie: Keine Weltraumbehörde, kein Großraumbüro, sondern ein virtuelles Luxushotel, in das Verstorbene für ein ewiges Leben nach dem Tod einziehen, indem sie ihren Geist in eine Cloud hochladen.


Die Serie zeichnet ein einfallsreiches Zukunftsszenario vom virtuellen Hotel-Afterlife: Pagen nerven als Ad-Bots, die Minibar lässt sich nur mit zu Lebzeiten angesparten Bitcoins plündern und schlechtprogrammierte Sonnenstrahlen trüben als repetitive gifs das Naturerlebnis. In diesem futuristischen Kontext kann sich auch der albern-zynische Witz wesentlich besser entfalten. Augenzwinkernde Fortschrittskritik inklusive.


Der große Schwachpunkt von "Upload": Die wenig bekannten Schauspieler Robbie Amell und Allegra Edwards sind ihren Hauptrollen nicht gewachsen. So entsteht auch immer wieder unfreiwillige Komik. Und wir stellen uns jetzt mal vor Carell und Malkovich würden in "Upload" mitspielen...

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The Eddy (Netflix)

Große Namen sind im Serien-Mai überall: Kult-Regisseur Damien Chazell jammt jetzt auch im seriellen Fach und ist nach seinem ersten großen Trommelwirbel "Whiplash" und Oscargewinner "La La Land" hauptverantwortlich für die neue Jazz-Serie "The Eddy".


Die ist wie ein guter Jazz-Song: frei improvisiert, filigran und flamboyant.


Es geht um Musiker und Barbesitzer Elliot, dessen Band, Freundeskreis und existenzgefährdeten Jazz-Club. Regisseur Chazelle zeigt minutenlange Musikeinlagen und ekstatisch verzerrte Gesichter in Großaufnahme, dazwischen schneidet er düstere Bilder von Sex, Drugs und einem Mord.


Dabei ist die Serie - auch was das Erzähltempo betrifft - näher beim französischen Arthouse-Kino als in Hollywood, eben nicht L.A. sondern Paris: Wir sehen soziale Problemgegenden, karge Hinterzimmer, Alkohol, Zigaretten und selbstbewusste Frauen. "The Eddy" erzählt vom Rhythmus des Lebens. Bitte auf Anschlag aufdrehen!

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The Plot Against America (Sky/HBO)

Was wäre, wenn die USA unter einem Präsidenten Charles Lindbergh (ja genau, der Pilot) dem Zweiten Weltkrieg fern geblieben wären und mit den Nazis kollaboriert hätten? Dieser Frage geht die Serie "The Plot Against America" auf Grundlage des gleichnamigen Romans von Erfolgsautor Philip Roth (ja genau, der ewige Nobelpreiskandidat) nach.


Die Antwort: Antisemitismus, Fremdenhass und Gewalt hätten sich auch in den Vereinigten Staaten breitgemacht. Die Parallelen zum Heute sind offensichtlich - und es ist auch kein Zufall, dass die Dreharbeiten zur Serie kurz nach einem Attentat auf eine Synagoge in Pittsburgh im Oktober 2018 begannen.


Die Serie zeigt in düsteren Bildern vor opulenter historischer Kulisse und mit hochkarätigen Schauspielern wie Winona Ryder oder John Turturro, dass der Weg von der freiheitlichen zur totalitären Gesellschaft nur sehr kurz ist und dass wir Demokratie und Menschenwürde immer wieder aufs Neue verteidigen müssen. "The Plot Against America" ist ein sehenswertes geschichtspolitisches Gedankenspiel.

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Der Beischläfer (Amazon)

Die neuste deutsche Serienproduktion grüßt aus München mit viel Lokalkolorit, dem Comedian Harry G und blöden Sprüchen.

"Die Matz, die!" - Charlie Menzinger

Protagonist und Automechaniker Charlie Menzinger (Harry G) wird wider Willen zum Schöffen ernannt, unter Juristen auch "Beischläfer", weil so langweilig, genannt. Ein Beischläfer will Charlie dann aber auch nicht sein und so gerät er in allerlei Konflikte mit der aus Berlin zugezogenen Richterin Julia Kellermann und seinem Schöffenkollegen Konrad Stoll. Dazu ist Charlie chronisch pleite, hängt am Geldhahn seines vermögenden Vaters und spinnt das ein oder andere dubiose Geschäft mit seinem Freund Xaver aus.

In den besten Momenten erinnert "Der Beischläfer" ein klein bisschen an Helmut Dietls "Monaco Franze" oder "Kir Royal". Leider aber viel zu selten. Die Gags aus der Feder von Murmel Clausen, einem ehemaligen Autor der Bullyparade, sind insgesamt zu harmlos und oberflächlich. Im Vergleich zu den alten Kult-Formaten fehlen Biss und Lässigkeit.


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Snowpiercer (Netflix)

Die Weltbevölkerung zusammengschrumpft auf einen kilometerlangen Zug, der nach einem gescheiterten Experiment und eines darauf folgenden Klimakollapses durch vereiste Landschaften rast: Das ist der Snowpiercer. Nach der französischen Graphic Novel und dem Film von Oscarpreisträger Bong Joon-ho startet jetzt die großangekündigte Netflix-Serie...


... und floppt total!


Viel Geschrei, viel Gewalt, viele übertriebene Gesichtsausdrücke in Großaufnahme - dazu ein so plakatives und dümmliches Geschwätz vom Klassenkampf, das sich Marx wohl eher freiwillig aus dem Zug gestürzt hätte als die Revolution anzuführen. Irgendwie auch passend, dass die Serie eine Kriminalfall in die Story integriert. Denn: So kann sie auf dem einfachsten Weg verstümmelte Körper und abgehackte Leichenteile zeigen.


Mit dem gelungenen Film hat die verkorkste Serie nur noch die Ausgangs-Prämisse gemeinsam. Nach jahrelangem Produktionschaos steht zwar noch der Name von Star-Regisseur Joon-ho in den Credits, aber nur weil sein Film als Vorlage diente. Sonst hat er damit nichts zu tun! Wie könnte er?!

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Liebe. Jetzt! (ZDF)

"Liebe jetzt" ist wie zuletzt "Drinnen" oder "Die Pest" eine weitere Serie, gemacht in und für die Corona-Isolation. Kurze, zwanzigminütige Film-Häppchen zur Liebe in Zeiten des Covid19-Virus.


Jede Episode erzählt eine Romanze: Da ist zum Beispiel ein langjähriges Paar, das sich eigentlich trennen wollte, aber durch die gemeinsame Zeit plötzlich neue Gefühle füreinander entdeckt. Oder umgekehrt zwei frisch Verliebte, die plötzlich zusammen gefangen sind und die weniger liebenswerten Seiten des Anderen kennenlernen.


Mit dabei Jürgen Vogel, Natalia Belitski oder Lea Zoe Voss. Die Folgen sind in ihren besten Szenen witzig und gefühlswarm, in ihren schwächeren zu albern und klischeebehaftet. Der größte Makel: Das Ganze erschöpft sich nach einigen Episoden - wie so viele Corona-Fiktionen - in den immer gleichen Wohnungs- und Selfie-Arrangements.

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