KASTRATION! - Serien VI/MMXX

Schwere Zeiten für das Patriarchat auf dem Streaming-Markt. Alten, weißen Männern wird der Prozess gemacht und eine selbstbestimmte Frau besteigt den Zarenthron. Ein Schlag ins Gemächt sind... Die Serien im Juni.


The Great (Starzplay/Amazon)

Er sagt: "Du wirst mir dienen und viele Kinder schenken. Hoffentlich Jungs." Sie sagt: "Fuck you!" Er versucht sie in einer hölzernen Kiste zu ertränken, sie spuckt ihm ins Gesicht und stößt ihn vom Zarenthron. So geht das! Die Serie "The Great" ist wie ein Schlag zwischen die Beine des königlichen Patriarchats. Wie eine genussvolle Kastration!


Liebe? Weit gefehlt. Elle Fanning und Nicholas Hoult hassen sich leidenschaftlich schön in den Hauptrollen. Serienschöpfer Tony McNamara wendet das gleiche schwarzhumorige Prinzip der Geschichtsvergegenwärtigung an wie bei seinem oscarnominierten "The Favourite".


"The Great" ist wunderbar grotesk, überspitzt, scharfzüngig und sicher nicht historientreu. Genau das macht die Produktion zu einer sehenswerten Historienserie. Denn wie sonst sollte man all die albernen Ettiketen bei Hof auch anders abbilden, als eben: albern.

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Jeffrey Epstein: Stinkreich (Netflix)


Der Fall Jeffrey Epstein ist vieles zugleich: ein Justizskandal, ein Politikum, Stoff für Verschwörungstheorien, eine Parabel über die Abgründe von Geld, Macht und Mannsein - und vorallem ein gräsliches Sexualverbrechen.

Die Doku "Jeffrey Epstein: Stinkreich" erzählt in vier unglaublichen Episoden von verhinderten Ermittlungen und gekauften Gerichtsprozessen sowie von der Persönlichkeit eines Mannes, über den lange wenig bekannt war, der mit der Elite Amerikas, u.a. mit Bill Clinton und Donald Trump verkehrte und über Jahrzehnte in seinen Privatanwesen auf der ganzen Welt Minderjährige missbrauchte und verkaufte.

"Er kam mir vor wie ein furchteinflössender, kranker Irrer." - eine Überlebende über Jeffrey Epstein

Dabei gibt die Doku von Lisa Bryant - nur so kann es funktionieren - den Opfern, oder wie im Englischen vielleicht besser benannt: den Überlebenden das Wort. Mehrere Frauen berichten ausführlich über das, was Epstein ihnen angetan hat.

Einziger Makel: An mancher Stelle hätte die Serie mit kritischer Gesellschaftsanalyse mehr aussagen können, als mit der bloßen Dämonisierung eines einzelnen Mannes. Denn: Es handelt sich hier ja eben nicht nur um einen Einzeltäter.


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El Presidente (Amazon)


Nochmal Macht und Geld - diesmal aber nicht als Doku, sondern als fiktionalisierte Biografie in Serie gesetzt: Der ehemalige chilenische Fußballpräsident Sergio Jadue war 2015 eine der beteiligten Figuren im Korruptionsskandal des internationalen Fußballverbandes FIFA und wurde wegen Betrug, Verschwörung und Erpressung schuldig gesprochen.

Die Serie zeichnet Aufstieg und Fall Jadues mit ironischem Humor und stylisch zugespitzter Bildsprache nach und konzentriert sich dabei auf die Machenschaften neben dem Rasen, auf steife Empfänge und testosterontriefenden Konferenzen.

Die beiden südamerikanischen Serienmacher Pablo Larrain und Armando Bó waren schon in der Vergangenheit an Erfolgsfilmen wie "Birdman" oder "El Club" beteiligt, sparen nicht mit Kritik und Veralberungen und zeigen, wie man einen vermeintlich trockenen Stoff unterhaltsam umsetzt und was sexistische Männer in Anzügen wirklich sind: Witzfiguren.


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Das Grab im Wald (Netflix)


Um Leichen, Entführungen, Lügen und Intrigen geht es in den Romanen des amerikanischen Bestsellerautors Harlan Coben - so auch in der Serie "Das Grab im Wald": Da sind also ein paar Leichen und Verschwundene, ein Missbrauchsopfer und ein Staatsanwalt, der 25 Jahre später auf neue Hinweise in einem alten Fall stößt, in den zudem seine Schwester verwickelt ist.

Auch der Ortswechsel nach Polen, den die Verfilmung vornimmt, kann nur wenig gegen die Eintönigkeit der stets gleichen Erzählmuster ausrichten. Immerhin versuchen die jungen Schauspieler alles, um das durchwachsene Skript und die oberflächliche Inszenierung mit ein bisschen Herz zu füllen.

Nach "The Five", "Safe" und "The Stranger" ist "The Woods" - so der Originaltitel - schon die vierte Coben-Adaption bei Netflix. Und man fragt sich, was die Auftraggeber bzw. Zuschauer daran finden. Wer den Wald vor lauter Gräbern nicht sieht, der hat definitiv zu viele Krimis gelesen.

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