SPACEMOTHER! - Serien IX/MMXX

Neue Serien im Vakuum zwischen Übermutter und Muttermilch. Was wohl Freddy dazu sagt? Und Phyllis? Und Anke? Die bekannte Pointe: Emanzipiert sind wir noch lange nicht. Die Serien im September.


Raised By Wolves (Sky/TNT)


Kepler 22b - ein Planet 638 Lichtjahre von der Erde entfernt, der tatsächlich existiert und für Menschen bewohnbar wäre. Blöd nur, dass wir nach heutigem Stand der Technik gut 14 Millionen Jahre bräuchten, um dort hin zu gelangen. Bei solchen Zahlen platzt mein Kopf und meine Vorstellung vakuumiert sich!


So ähnlich ist das auch bei der Serie "Raised by Wolves" von Produzent Ridley Scott, der in den ersten beiden Folgen zudem Regie führt und dann an seinen Sohn Luke übergibt: Die fremde, ungewöhnliche Welt, die wir hier präsentiert bekommen, zieht einen sofort in den Bann, ist von brüchig-bizarrer Schönheit. Die Androiden, die hier herkommen, um menschliche Embryonen aufzuziehen, sind gefühlvolle Kampfmaschinen und brutale Philosophen.

"Belief in the unreal can comfort the human mind but also weakens it." - Mother

Keine Ideologie! Keine Religion! Kein Mitleid! So lautet das Credo der Androiden "Mother" und "Father" frei nach Nietzsche und dessen Übermensch, der hier ganz klar weiblich ist. Dynamit heißt: Necromancer! Dazu ein Look zwischen Steinzeit und Afterworld, zwischen Nahaufnahme und Drohnenflug, zwischen alten Star-Wars-Filmen und neuster Apple-Technologie. So geht Science-Ficition - und dann sehe ich ich auch gerne über die ein oder andere Schwäche im Plot hinweg.


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Away (Netflix)


Wie Science-Fiction ganz anders geht, zeigt die Netflix-Serie „Away“, bei der sich eine internationale Weltraum-Crew auf den Weg Richtung Mars macht, wir aber ganz irdische Themen und Sorgen zu sehen bekommen.


Astronautin Emma Green, die die Mission anführt und gefühlvoll von Hilary Swank gespielt wird, hadert mit Heimweh, macht sich Sorgen um ihren kranken Ehemann und ihre Tochter, die sie auf der Erde zurücklässt. Dazu wird sie von ihren Besatzungsmitgliedern hinterfragt und angefeindet. "Away" stellt also nicht neue Technologien oder ontologische Fragestellungen in den Vordergrund, sondern Familie, Freundschaft und Vertrauen, es geht um menschliche Gefühle und Werte.


In der Tradition des alten Hollywood sieht die Serie gut aus und erzählt stringent und einfühlsam, greift aber leider auch den typisch konservativen Subtext auf: Wenn ausgerechnet ein Russe und eine Chinesen gegen die amerikanische Chefin intrigieren und diese in erster Linie in ihrer Rolle als (abwesende) Mutter und Ehefrau charakterisiert wird.


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Mrs. America (Sky/Magenta TV/FOX)


Man kann konservativen Serienstoff nämlich auch ganz anders erzählen. Das zeigt "Mrs. America", eine Serie über die Anti-Feministin und Politikerin Phyllis Schlafly, überragend gespielt von Cate Blanchett.

"I am not against women, but I am against the Womens Liberation Movement." - Phyllis Schlafly

Die Serie greift nach historischen Tatsachen die Diskussion über das Equal Rights Amendment zur amerikanischen Verfassung in den 70ern auf, es geht also um Emanzipation und Gleichberechtigung und darum, ob Frauen in erster Linie Mütter und Ehefrauen oder - ja, das geht wirklich! - freie Individuen sein sollten.


Die Serie wechselt dabei ständig die Perspektive, zwischen konservativen Bewahrerinnen mit hochgesteckten Haaren, wie Schlafly, und progressiven Feministinnen in Jeans und Hemd wie Gloria Steinem. Sie erzählt mit Groove und guten Dialogen. Traurige Pointe: Der umstritten Verfassungszusatz gilt bis heute nicht!


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Oktoberfest 1900 (ARD-Mediathek)


Wo Bier und Blut regieren, sprechen erfahrungsgemäß die Männer. Der Nürnberger Wirt Curt Prank streitet für das erste große Festzelt auf dem Münchner Oktoberfest im Jahr 1900 - und geht dafür im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen. Das Ensemble in der opulent gemachten ARD-Serie ist wenig sympathisch: Machthungrige Männer, intrigante Frauen, sexbesessene Jünglinge und feierwütige Boheme. "Oktoberfest 1900" will ein neues "Babylon Berlin" in München sein, ein bayerisches "Game of Thrones" der Schankwirte, scheitert dabei aber nur am eigenen Größenwahn.


So überzeichnet die Charaktere sind, so überstilisiert ist die Bildsprache der Serie: mit grellen Kontrasten und unzähligen Zeitlupen. Das nervt auf Dauer gewaltig! Und Gewalt und Geld allein, machen eben noch keine herausragende Serie. Dabei sind der Cast (mit Martina Gedeck und Misel Maticevic) sowie die Ausstattung eigentlich hochkarätig.


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Das letzte Wort (Netflix)


Schauspielerin Anke Engelke hat jetzt eine Netflix-Serie. Als extrovertierte Trauerrednerin Karla Fazius mischt sie das Bestattungs-Business auf, hat schräge Einfälle und behält meist - wie schon der Titel der Serie sagt - "Das letzte Wort".

"Ich glaube, wir müssen uns alle ein bisschen befreien von den Ketten, in denen wir uns befinden, dass man schauen muss, wo etwas dann später wahrgenommen werden kann. Man geht ins Kino, man schaut was im Fernsehen oder bei Streaming-Diensten. Das tun doch alle." - Anke Engelke

Engelke wie wir sie in ihren Rollen kennen: sympathisch, lustig, ein bisschen grotesk, manchmal nervig und irgendwie anders. Die Serie "Das letzte Wort" ist dann auch eine Tragikomödie, die in erster Linie von ihrer Hauptdarstellerin und dem absurden Humor lebt.


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Das Parlament (ARD-Mediathek)


Absurder Humor - das kann auch die französisch-deutsche Produktion "Das Parlament", die vom Alltag zwischen Haiflossen und Flüchtlingskrise erzählt. Wo? Ja eben im Europäischen Parlament in Brüssel. Oder in Straßburg? Wo sind wir eigentlich? Und über was reden wir? So ganz sicher sind sich da auch die Protagonisten nicht...

"Wenn das Parlament den Antrag ablehnt, sagen alle: 'Die scheißen auf den Tierschutz!' Nehmen wir den Antrag an, dann ist es noch schlimmer und die Leute sagen: 'Haben die nichts anderes zu tun, als sich um Haiflossen zu kümmern, während die Flüchtlingskrise tobt?'" - Parlamentarier Maurice

"Parlament" ist kein billiges EU-Bashing, sondern eine konstruktive Groteske im Zeichen der Diplomatie. Deutlich wird dabei, dass die EU eigentlich nicht viel richtig machen kann, bei so vielen unterschiedlichen Meinungen und Interessen, die immer einen Kompromiss verlangen. Wir schütteln oft den Kopf, finden die Charaktere aber doch sympathisch. Das kommt der Idee von Europa nahe.


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