TERROR! - Serien III/MMXX

Wer hat Angst vor Gotteskriegern? Und wer vor Drogenbossen? Vor den Nachbarn? Sich selbst? Ihr denkt die Corona-Krise ist schlimm, dann schaut besser nicht... Die Serien im März.


Kalifat (Netflix)


Der Islamische Staat besiegt? Von wegen. Die Serie "Kalifat" zeigt, wie Fundamentalisten im Norden Syriens einen Gottesstaat errichten - und gleichzeitig Märtyrerinnen in Europa rekrutieren, um dort einen Terroranschlag durchzuführen.


Terrorbekämpfung und Spionage sind der bekannte ("Homeland", "Messiah" etc.) und langweiligere Teil der Serie; pubertierende IS-Mädchen, die über YouTube zu Gotteskämpferinnen konvertieren, der spannendere Teil. Die Serie zeigt glaubhaft, wie eine Radikalisierung über Internet und Social Media zwischen Popmusik und Männern mit Maschinengewehren aussehen könnte.


"Kalifat" ist dabei zeitweise etwas plakativ , gewinnt aber mit zunehmender Dauer an Komplexität. Und die Serie hält Spannung und Tempo hoch.

BINGE-FAKTOR: 📺 📺 📺




ZeroZeroZero (Sky)


Drogen, Gewalt, Mafia: Das sind serielle Dauerbrenner. Warum? Sie verkaufen sich gut, behandeln ein verbotenes Tabu-Thema und kicken irgendwie. Die Serie "ZeroZeroZero", auf der Grundlage des gleichnamigen Romans von Roberto Saviano, versucht den ganz großen Wurf: einen Einblick in den internationalen Drogenhandel, der Verkäufer, Käufer und Händler in Mexiko, den USA und Italien sowie die Beteiligung der dortigen Mafia.


Eine Mischung der Serien "Narcos" und "Gomorrha" sozusagen. Sehr aufwendig, opulent und brutal in fünf Ländern produziert. Mit actionreichen Verfolgungsjagden und patengleichen Marienprozessionen. Wer Pech hat, den fressen die Schweine... Die Serie beherrscht und spielt alle Regeln des Genres aus, ist optisch großes Kino! Aber sie leidet inhaltlich hier und da – wie die Figuren – an ihrem Allmachtsanspruch, will ein bisschen zu viel, und so bleibt mancher Charakter, manche Storyline im wörtlichen wie übertragenen Sinn auf der Strecke.


BINGE-FAKTOR: 📺 📺 📺




Unorthodox (Netflix)

Mit gerade einmal 17 Jahren wird die jüdische Esty in eine arrangierte Ehe gedrängt. Sie heiratet im Kreis der ultraorthodoxen chassidischen Gemeinde, soll so schnell wie möglich schwanger werden, wird unter Druck gesetzt, ja unterdrückt. Sie flieht von New York nach Berlin und beginnt ein neues Leben.


Estys Geschichte ist die von Deborah Feldman und ihrem Bestseller-Roman "Unorthodox". Der Verfilmung gelingt es eindrucksvoll und authentisch den Weg einer jungen Frau bei der Suche nach Identität und Selbstbestimmung nachzuzeichnen. Die Berliner Filmemacherinnen Anna Winger und Alexa Karolinski näherten sich dem Thema mit Respekt und Fingerspitzengefühl: So holten sie z.B. einen Rabbiner mit ins Kernteam, führten lange Gespräche mit Glaubensvertreterinnen und besetzten alle chassidischen Rollen mit jüdischen Darstellern.


"Für mich war der Gedanke, dass deutsche Schauspieler, die Deutsch sprechen, als chassidische Juden verkleidet sind, ein totales No-Go." - Alexa Karolinski


Insofern macht die vierteilige Miniserie nicht nur erzählerisch und formal alles richtig, sondern setzt auch in Sachen Produktion neue Standards, indem die Macherinnen nicht nur vor der Kamera den Konflikt zwischen individuellen Wünschen und gesellschaftlichen Zwängen mitreißend verhandeln, sondern auch dahinter Integration und Austausch vorleben.

BINGE-FAKTOR: 📺 📺 📺 📺 📺




Freud (Netflix)


Ein bisschen Crime, ein bisschen Horror, ein bisschen Biopic: Die Serie „Freud“ macht den Psychologen Sigmund Freud zum Ermittler und unsere Psyche zum Spukhaus. Sie zeigt brutal verstümmelte Leichen, schlagend verbundene Offiziere, gnadenlos hedonistische Abendgesellschaften – und ein bisschen psychoanalytisches Grundwissen.


Jetzt kann man die Frage stellen: Warum reicht eine klassische Serienbiografie nicht mehr aus? Warum müssen Serien immer alles zugleich sein: spannend, geschichtsträchtig, gruselig und grotesk? Oder man sagt: Der österreichische Regisseur Marvin Kren ("4 Blocks") schafft es mit "Freud" immerhin intelligent, optisch kunstvoll und mit Wiener Schmäh-Charme zu unterhalten.


Trotzdem hätte ich den echten Freud lieber in der "Genius"-Reihe (Picasso, Einstein) auf Amazon gesehen.

BINGE-FAKTOR: 📺 📺 📺




Unterleuten (ZDF)


Die Hölle, das sind die Anderen. Die Hölle, das sind im Dorf "Unterleuten" die Nachbarn. Und ein geplanter Windpark, der (noch mehr) Ärger und Streit unter den Bewohnern entfacht. Alle kennen sich. Alle beäugen sich. Alle reden untereinander übereinander.


Die Serie überzeugt vor allem deshalb, weil sie den sehr geschickt konstruierten Erfolgsroman von Juli Zeh filmisch solide adaptiert. Dabei rückt sie die wichtigsten Figuren und Konflikte in den Mittelpunkt und vereinfacht Erzählperspektive und -abfolge. Das Ergebnis ist: starke Unterhaltung mit einem Hauch Gesellschafts-, oder besser, Dorfanalyse. Und nicht zuletzt mit tollen Naturbilder aus der ostdeutschen Provinz.


BINGE-FAKTOR: 📺 📺 📺 📺




Amazing Stories (AppleTV+)


Der eigene Großvater ein Superheld, die beste Freundin unsichtbar, oder die Geliebte eine Frau aus der Vergangenheit: Das sind die "Unglaublichen Geschichten", die Steven Spielberg bereits in einer Fernsehserie in den 80er-Jahren erfand und bei denen Größen wie Martin Scorsese oder Clint Eastwood Regie führten. Ein kultiges Format, das AppleTV+ jetzt unter erneuter Federführung von Mr. Hollywood, also Spielberg, zur familienfreundlichen Neuauflage bringt.


Das gelingt aber nur teilweise. Denn vieles in den ersten Folgen erinnert mehr an Kinderunterhaltung, was übrigens auch im Produktionsteam für Streit und personelle Wechsel sorgte. Den einstündigen Folgen mit je einer abgeschlossenen Geschichte gelingen gute Einfälle und Ansätze, aber keine echten Gefühle: Staunen, Lachen, Weinen im Stakkato bis zum Happy End – das ist wohl selbst für die 6-jährige Ann-Sofie zuviel...


BINGE-FAKTOR: 📺 📺